Der Irre von Norwegen – Anders Breivik: Einzeltäter, Einzelhaft und Einzelbüßer?

Breivik ist also gestern aus der Einzelhaft entlassen worden. Die Polizei hält die Einzeltäterschaft der Morde an 77 Menschen und dem Bombenanschlag in Oslo für praktisch erwiesen. Unmittelbar nach der Wahnsinnstat sah die Sache anders aus. Im Feuilleton wurde heftig über die geistige Mittäterschaft, das Aufbereiten des gesellschaftlichen Klimas diskutiert. Diese Kontroverse ist längst versiegt, das Gedankengut Breiviks – die groteske Mischung aus Faszination am archaischen Islamismus, Frauenhass, Nazitümelei und handfestem Judenhass – interessiert nicht mehr. Er ist ja ein Einzel-Wahnsinniger und kein Symptom einer zunehmenden gesellschaftlichen Sklerose, in der ganze Schichten in Parallelwelten abgedriftet sind. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Disponiertheit in unserem ach-so liberalen Europa ist der schnell abgenutzten Aufmerksamkeit der „Qualitäts-“Medien entgangen, denn nach kurzer Empörung war allenthalben klar: Alles Unschuldslämmer! Mitverantwortung? Längst überholt in Zeiten, in denen nur noch abstrakte Staaten noch abstraktere Schulden übernehmen.

„Machen S’ das Fenster zu, denn wenn einer hinausfällt, war es wieder keiner!“, pflegte mein Mathematikprofessor zu sagen. Man könnte diese Worte für ein Statement zu den Vorgängen rund um die Wahnsinnstat des Rechts… (was eigentlich: …konservativen, …radikalen, …irren?) halten: ein Mann zuckt – wohlkalkuliert, lang geplant – aus, aber niemand ist schuld. Von ein paar notorisch ideologischen Trunkenbolden im rechten Lager (darunter unvermeidlich ein FPÖler) abgesehen, war die europäische Rechte vereint: auf Tauchstation oder sich mehr oder weniger glaubwürdig distanzierend. Der Umkreis jener, denen Mitschuld unterstellt wurde, war groß: von Sarrazin bis Broder („Wenn ich jünger wäre, würde ich Europa verlassen und in ein Land ziehen, das nicht von einer schleichenden Islamisierung bedroht wäre.“), der dank dieses dummen Sagers im Pamphlet des norwegischen Massenmörders landete und in Folge taxfrei zum „geistigen Brandstifter“ erklärt wurde.

Leider helfen diese Verdächtigungen nicht weiter und tragen nichts zum besseren Verständnis bei. Auch die Erkenntnis, dass sich im Internet Weltverschwörungstheorien flott vermehren, ist nicht neu. Je kruder die Idee, desto schneller die Verbreitung. Dass die Poster im Schutz der Anonymität die Grenzen bürgerlichen Anstands und der Gesetze überschreiten, weiß jeder Kommentator, der sich ihn betreffende Postings in einem Anfall von Masochismus zu Gemüte führt. Der rechtsradikale Mist, der in einschlägig duftenden Hundeforen nach einem Standard-Kommentar abgesetzt wurde, in dem ich gegen Kampfhunde anschrieb, geistert bis heute durchs Netz. Trotz Aufforderungen, mich einzuschläfern, ist mir bis heute kein Tierliebhaber mit seinem zähnefletschenden Kuscheltier auf den Pelz gerückt. (Trotzdem gehört der Unfug dieser Art anonymer Postings abgedreht!) Zum Glück führt nicht jede Hetzkampagne zu entsprechenden Taten.

Genau das ist aber der Punkt: welche Wirkung hat die Verlotterung von Umgangston und politischer Wortwahl? Bei der Analyse sollte man, hehre Worte wie „Schuld“ oder „Mitverantwortung“ vorerst vermeidend, von Ursachen und Wirkungen sprechen, von der wechselseitigen Bedingtheit dieser Begriffe. Nehmen wir diese beiden Worte nicht als Gegensatz, sondern als auf komplexe Weise miteinander verbunden und voneinander durchdrungen. Des weiteren sollte man den heutigen Rechtsradikalismus nicht immer mit Faschismus oder Nationalsozialismus gleichsetzen.

Bei der Frage nach Ursachen und Wirkungen kann man auf historische Ereignisse zurückgreifen: das Attentat auf Dutschke sowie den Terror der RAF. Es ist heute weitgehend unbestritten, dass die Hetze der Springer-Presse in den Jahren 1967/68 jenes Klima geschaffen hat („Man darf die ganze Drecksarbeit nicht der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“), in dem ein Hilfsarbeiter auf Dutschke schoss. In der Manteltasche trug der Attentäter einen Ausschnitt der National-Zeitung, Schlagzeile: „Stoppt den roten Rudi jetzt“. Bei den folgenden tumultuösen Protestdemonstrationen kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen und Inbrandsetzung von Auslieferungsfahrzeugen. Zuvor hatten Baader und Ensslin zwei Kaufhäuser angezündet. Was als Spaßaktion mit dem Puddingpulver-„Attentat“ begann, von der „Kommune 1“ noch auf höchst dubiose Art ironisiert weitergeführt wurde („In der Ankleidekabine eine Zigarette anzünden.“), ist mit der RAF, die in diesem politischen Klima entstand, zum tödlichen Ernst geworden.

Die meisten Linken lehnten zwar den individuellen(!) Terror ab, aber das änderte nichts am Grundproblem: mit der Infragestellung des staatlichen Gewaltmonopols hatte man eine Tür geöffnet, deren Durchschreiten die RAF und deren Nachfolger als legitim empfinden konnten. So wie heute die Rechte distanzierte sich damals der größte Teil der Linken zumindest offiziell vom Terror. Und es gab – so wie auch jetzt bei den Rechten – einige, denen es trotzdem an Distanz fehlte. Damals war es „klammheimliche Freude“, wenn ein Vertreter des „Schweinesystems“ umgebracht wurde. Heute ist es die Verniedlichung des Massakers, wie bei Herrn Le Pen das Wort „Unfall“, denn die „massive Einwanderung“ sei viel gefährlicher. Die Hochstilisierung eines Mörders zum „Widerstandskämpfer gegen die muslimische Invasion“ entspricht der Haltung vieler Linker in den 1970er-Jahren, die den Terror zwar ablehnten, aber RAF & Co. für „Genossen“ hielten, die sich „bloß“ einer falschen Strategie bedienten. Bis hin zu Erich Fried, der sich (trotz Distanzierung von der RAF) anlässlich des Begräbnisses von Meinhof zur Behauptung verstieg, diese sei „die größte deutsche Frau seit Rosa Luxemburg“.

Dem Attentäter von Oslo fehlt offenbar jegliches Schuldbewusstsein. Allem Anschein nach empfindet er sich als Märtyrer, der die Mühen einer Bluttat auf sich nimmt und wie ein Kreuzritter Schuldigen um Schuldigen eigenhändig niedermetzelt. Mag die Ermordung von Menschen auch Unrecht sein, so handelt es sich in seiner Sichtweise wohl um legitimes Unrecht, angesichts der islamischen Bedrohung, dem sich seine Opfer und ihr Umfeld nicht entgegen gestemmt haben. Schon Heydrich sah sich als Mitglied eines Eliteordens und seine Untaten (und die der SS) als Opfergang und „heilige Pflichterfüllung“ für das deutsche Volk und die „Rassenreinheit“.

Seit mehr als zwanzig Jahren erleben wir, dass die Menschen von der Politik der ökonomischen Globalisierung schutzlos ausgesetzt werden, einem angeblich unabänderbaren Naturgesetz folgend. Dabei wurden mehr Verlierer als Gewinner produziert. Schon die Tatsache, dass es eine Überzahl an Verlierern gibt, ist bedenklich; sie rechts liegen zu lassen unverzeihlich. Die ökonomische Globalisierung ist für die meisten Menschen nur schwer zu begreifen, erfahrbar vor allem als Bedrohung des eigenen Wohlstandes. Der spekulierende, den Arbeitsplatz vernichtende Hedge-Fonds ist abstrakt und anonym. Er hat kein Gesicht. Die türkische Familie, die zwei Häuser weiter wohnt oder gar im selben Stock des Gemeindebaus, ist vor Ort begreif- und erfahrbar. Der Bart des Propheten ist sichtbar.

Hier setzen Propaganda und Hetze der Rechtsradikalen an. Mit der Beschwörung einer überdimensionalen Bedrohung durch andere Kulturen, insbesondere des Islams, wurde ein Klima legitimer Fremdenfeindlichkeit geschaffen. Was früher nur mit schlechtem Gewissen hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, ist im heutigen politischen „Diskurs“ alltäglich, lautstark und normal geworden. Wer im Politiker-Geschäft die Voraussetzungen für ökonomische Bedrohungsgefühle geschaffen hat, kann sich aus dieser Mitverantwortung nicht einfach davonstehlen. Womit wir wieder bei der Frage nach individueller „Schuld“ landen. Die klare Antwort: es gibt keine Teilung der Schuld, die haben allein die Täter zu tragen. Allerdings stünde den obskizzierten Mitverantwortlichen für das gesellschaftliche Klima ein leises „mea culpa“ im Beichstuhl mit anschließender Buße, Einkehr und dem Überdenken so mancher Handlung und Haltung nicht schlecht zu Gesicht.

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